Maibraut - WIR SIND TIDDISCHE

Wir sind Tiddische
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Mai- und Pfingstbrauchtum
Vorn ersten Mai und vom Maigrün

Der Mai ist der Monat, in dem nach langer Winterruhe die Natur endgültig zu neuem Leben erwacht. Dem trägt ein sehr altes Vegetationsbrauchtum Rechnung. Vieles davon rankt sich seit langem um das Pfingstfest, das ja zumeist in den Monat Mai fällt. Der christliche Gehalt freilich tritt dabei völlig in den Hintergrund, vermutlich weil der religiöse Sinn schwer anschaulich zu machen ist. Demgegenüber spielte der erste Mai bei uns bis in die jüngste Vergangenheit in Sitte und Brauch eine nur geringe Rolle. So lässt sich hier die Überlieferung nicht belegen, dass die Hexen sich in der ersten Mainacht zum Ritt auf den Blocksberg versammelten. Das Relikt eines sehr alten Brauches wurde am Vorabend des ersten Mai noch in unserem Jahrhundert in Hoitlingen gepflegt. Hier trafen sich die Dorfkinder, um mit alten Töpfen, Deckeln und Stöcken lärmend von Hof zu Hof zu ziehen. Sie sollten dadurch, wie die Eltern erklärten, Ratten und Mäuse verscheuchen. Ursprünglich freilich wollte man durch diesen Krach wohl die „bösen Geister" vertreiben. Nach diesem Brauch hieß der Maiabend in Hoitlingen auch „Klamperabend". „Klampern, klempern" ist eine altertümliche, lautmalende Entsprechung für das Wort „lärmen".



Entsprechende Parallelen zum Brauch des „Klamperns" in Hoitlingen hat M. Schlomka aus einigen Dörfern der westlichen Altmark mitgeteilt. Im Kirchspiel Jembke wurde übrigens der erste Mai als Hagelfeiertag mit einem Gottesdienst begangen. Die Erhebung des 1. Mai zum sozialistischen Weltfeiertag durch den Pariser Julikongress der Internationalen Arbeitervereinigung im Jahre 1889 hatte für unseren damals landwirtschaftlich geprägten Raum keine Rückwirkungen. Am ersten Mai wird in manchen deutschen Landschaften, vor allem in Süddeutschland, seit alters her in der Mitte des Dorfes und mancher Stadt ein Baum oder eine hohe mit einem Kranz und Bändern geschmückte Stange als Maibaum aufgerichtet. Um den als Symbol neuen Lebens geltenden Maibaum versammeln sich Jung und Alt zum Maitanz und zu Spielen. Derartige Bräuche waren traditionell im Gifhorn-Wolfsburger Raum offensichtlich nicht heimisch, wurden hier aber in der Zeit des Nationalsozialismus in vielen Orten eingeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg verzichtete man allerdings ebenso wieder darauf wie auf die Festumzüge, die zuvor auf Weisung der Nationalsozialistischen Partei am ersten Mai abgehalten worden waren. Seit einigen Jahren aber hat der Maibaum in einer Reihe von Orten des Gifhorn-Wolfsburger Raumes Einzug gehalten. In Brome wurde dieser 1989 vor dem Rathaus am Vorabend des ersten Mai von der „Jungen Gesellschaft" aufgerichtet unter Mitwirkung der Volkstanzgruppen und des Männerchores. Freilich war die Freude nur kurz, denn wenige Stunden später war der Baum von Unbekannten abgesägt worden. Wenn dies auch zu bedauern ist, so handelt es sich auch dabei um ein aus Süddeutschland bekanntes Brauchelement. Dort sorgen jedoch Wachen dafür, daß jungen Leuten aus Nachbardörfern das Fällen des Baumes nicht gelingt. Auch die Jugend der Feuerwehr des kleinen Dorfes Pollhöfen bei Ummern stellt neuerdings anstelle eines früher üblichen Birkenbaumes einen hohen Masten mit Kranz und flatternden Bändern als Maibaum auf.
 
In Gifhorn, wo es zuerst 1986 einen Maibaum gab, zeichnet dafür seitdem die Trachtentanzgruppe des Uniformierten Schützencorps verantwortlich, unterstützt von der Freiwilligen Feuerwehr. Der Termin ist gekoppelt mit dem „Pflanzen- und Gartenmarkt". Volkstänze und Musikdarbietungen umrahmen die Aufrichtung des Maibaumes. So „begrüßte" die USK-Trachtentanzgruppe „mit dem Bändertanz in den Frühling" auch das Jahr 1990.
 
Mancherorts bürgerte sich in den letzten Jahren in. der ersten Mainacht ein ‚Tanz in den Mai" ein, mitunter in Verbindung mit einem Volksfest. Erwähnt sei hier nur das „Mückenfest" in Kaiserwinkel, das nach der Erinnerung zuerst am Himmelfahrtstag 1935 gefeiert wurde. In einer Reihe von Dörfern, so in Hillerse und in Barwedel, ist es seit geraumer Zeit schöne Sitte, dass der Spielmannszug der Feuerwehr oder einer anderen Vereinigung in der Morgenfrühe des ersten Mai mit klingendem Spiel von Haus zu Haus zieht. Man dankt für dieses Ständchen in einigen Orten mit einer Geldspende, die anschließend dem gemeinsamen Verzehr dient. Die Freude am neuen Leben im Frühling suchte man seit alters her in die Häuser zu tragen, indem man diese — in unserer Region gewöhnlich zu Pfingsten — mit frischen grünen Zweigen schmückte. Dazu nahm man hierzulande vor allem die Birke mit ihrem zarten Blattwerk. Sie hieß deswegen in der Umgangssprache bei uns auch „Maibaum" und „Pfingstmai". Beispielsweise findet sich in der Kirchenrechnung von Groß Schwülper für das Jahr 1680 bereits eine Ausgabe von drei Groschen vier Pfennig für „Mey in die Kirche". Andererseits gehörte es nach dem Hausbuch des Amtes Knesebeck von 1690 zu den festgeschriebenen Pflichten von zwei Höfen in Zasenbeck, „in der Kirche den May" aufzustecken. Das Maigrün wurde aus den Wäldern teilweise mit ziemlicher Rücksichtslosigkeit und ohne Beachtung der Eigentumsverhältnisse geplündert. Deswegen wurde eine derartige Ausschmückung mehrfach — freilich ohne Erfolg — verboten. Noch 1900 konnte so die „Aller-Zeitung" vermerken: „Pfingsten ist da: Zu seiner Ehrung werden in hiesiger Stadt (Gifhorn) und Umgebung und wohl überall im Lüneburgischen Maien(Birken)zweige an Fenstern und Türen, auf Treppen und Korridoren und in Zimmern angebracht." Inzwischen ist dieser Brauch zwar zurückgegangen. Aber noch immer findet man gar nicht so selten an Scheunen, Torpfosten und gelegentlich Fenstern zu Pfingsten junge Birkenbäume oder -zweige, die den Einzug des Frühlings verkünden oder auch Zuneigung ausdrücken sollen
 
 
Lob und Tadel im Pfingstbrauchtum
 
 
Wie in anderen Regionen die Nacht zum 1. Mai gehörte hierzulande seit alters her die Pfingstnacht (vom Pfingstsonnabend zum Pfingstsonntag) zu den sogenannten „Freinächten", von denen galt, daß sie „von Geistern" bestimmt waren. Den jungen Burschen waren zu derartigen Zeiten allerlei Freiheiten eingeräumt, die sie zu manchem Schabernack nutzten und noch nutzen, aber auch zum Spenden von Lob und vor allem Tadel für jene, die gegen Moral und Ordnung der Dorfgemeinschaft verstoßen. Das Tun um erlaubte und unerlaubte Liebesbeziehungen stand seit eh und je im Vordergrund. So ist es eine schöne und alte Sitte, dass junge Männer beliebten Mädchen oder auch ihrer Liebsten als Zeichen der Zuneigung einen Birkenzweig an das Schlafzimmerfenster nageln oder einen Birkenbaum an der Haustür aufstellen, wie es 1989 u. a. in Adenbüttel geschah. Gleichzeitig wird aber auch negatives Verhalten sichtbar getadelt. So erhielten nach Hans Verheys Beobachtungen unbeliebte Mädchen einen dürren Baum, in Ehra möglichst eine dürre Tanne mit einem Krähennest, in Kästorf einen ausgedienten Reisigbesen, in Tiddische eine Strohpuppe, sonst auch Dornen. Man warf in solchen Fällen auch Häcksel oder Kaff vor die Tür oder aber. man tünchte das Fenster, möglichst das Schlafzimmerfenster, weiß, wie es noch 1989 und 1990 u. a. in Betzhorn zu sehen war. Unehrenhaft eingeschätzte Liebschaften tadelte man einst, indem man zwischen den Häusern der Partner eine Spur aus Kaff oder Häcksel streute oder aber eine weiße Linie zog. Da galt es, früh aufzustehen, um den Makel zu beseitigen, bevor er allgemein gesehen wurde. Heute noch wird mancherorts, freilich jetzt nicht mehr allein als Ausdruck eines negativen Urteils, eine solche Spur zwischen den Häusern eines Liebespaares mit weißer Farbe gezogen. Sie heißt Katerstieg (Ahnsen, Wilsche) oder Katzenstieg, mundartlich Kattensteg (Jembke, Barwedel). Manchmal führt die Spur über den eigenen Ort hinaus zum Nachbardorf, wie 1989 und 1990 von Barwedel nach Tiddische. Mitunter auch endet der „Katerstieg" in einem Liebessymbol vor dem Hause des einen Partners. So zierte die Straße am Ortsausgang von Barwedel in Richtung Grußendorf 1989 ein riesengroßes Herz. 1990 prangte ein solches vor einem Haus in Jembke.
 
Jüngst haben die Graffiti Einzug in dieses Pfingstbrauchtum gehalten, ohne daß sich die frühesten Beispiele noch feststellen ließen. Schon 1967 sind solche aus Jembke überliefert. Man malt auf das Pflaster vor den Häusern kritisierende, oft humoristische Sprüche, die seltener loben als tadeln. Auch hier stehen Liebe, Ehe und damit verbundene Moralvorstellungen häufig im Blickpunkt. Mehrere unverheiratete Töchter etwa reizten zu „Schwiegersöhne gesucht". Das „Zusammenleben ohne Trauschein" fordert zu der Frage heraus „Hier Heiratstermin?", aber auch zu der Aufforderung Jraut Euch" in Verbindung mit dem Symbol der verschlungenen Ringe. Vor dem Haus eines Bäckers fand sich 1989 das Schimpfwort „Luffe", ein anderer Dorfbewohner las die ironisch gemeinte Charakterisierung „Boss" vor seinem Grundstück. Ein Landwirt, der den Verkauf seiner Naturprodukte durch Schrifttafeln anpries, musste darunter den negativen Hinweis „Chemie" finden. Einem für arbeitsscheu gehaltenen Mitbewohner andererseits gab man das ziemlich unverblümt zu verstehen mit „Deutschland, schönstes Land der Welt, gibt auch ohne Arbeit Geld." Nur gelegentlich werden Ereignisse der „großen Politik" für derartige Sprüche zum Vorbild genommen, so etwa steht „Hafenstraße" 1989 in Verbindung mit den in dieser Hamburger Straße vorgekommenen Hausbesetzungen.
 
Viele derartige Pflastersprüche sind nur den Eingeweihten verständlich.

Ausgetüftelt und heimlich angebracht werden diese in der Regel von einer Gruppe junger Männer, oft den Mitgliedern der Jugendfeuerwehr oder der Jungen Gesellschaft. Das Material liefern Vorkommnisse des vergangenen Jahres. Negative oder gar ehrenrührige Texte versucht man in aller Frühe wegzuscheuern, wie man am Pfingstmorgen 1989 u. a. in Schönewörde und Emmen, 1990 in Ohrdorf erkennen konnte. Auch mancher andere Schabernack wird in der Pfingstnacht von den gleichen jungen Leuten ausgeheckt. In Jembke etwa wurde vor einigten Jahren ein Ackerwagen in den Dorfteich gefahren und ein eigentlich braunes Pferd zum Schimmel umgefärbt. Noch immer beliebt ist es, in der Pfingstnacht Garten- und Hoftore auszuhängen und zu verschleppen. Freilich kann nicht jeder Betroffene Spaß verstehen, zumal, wenn die Grenze zur Sachbeschädigung überschritten ist.
 
Aus Ehmen wird berichtet, dass hier am Pfingstabend „die jungen Burschen im Alter von 16 Jahren in die ältere Dorfgemeinschaft eingeführt" wurden, d. h. in die Gemeinschaft der unverheirateten jungen Männer. Sonst geschah das in der Regel hierzulande zu Fastnacht.



 
 
 
„Fischemeier” und „Maibraut"

 
Am Morgen des ersten Pfingstfeiertages, mancherorts auch am zweiten Pfingsttag oder am Sonntag vor dem Pfingstfest (z. B. Parsau), begegnet man oft in recht vielen Dörfern unseres Raumes getrennten Zügen von Schuljungen, die angeführt werden von der ganz in Laub gehüllten Gestalt des „Fischemeiers", und Gruppen kleiner Mädchen mit der „Maibraut" an der Spitze (z. B. Hoitlingen, Tiddische). Diese ist erkenntlich an einem Kranz im Haar und mitunter einem Schleier. Singend bitten die Kleinen vor den Häusern um eine Gabe, die nur selten verweigert wird. Wo die Züge einander im Dorf begegnen, kann es wohl zu einer formelhaften Beschimpfung kommen. In Westerbeck etwa riefen um 1900 in einem solchen Falle die Mädchen: „Fischermeier, Halsumdreiher". Die Jungen reagierten darauf mit: „Maibrut, Halunenbrut, leggt lauter fule Eier ut!"
 
 
Durch Losziehung wurde unter den beteiligten Knaben der „Fischemeier" ermittelt. Sein Name blieb noch in unserem Jahrhundert häufig geheim, seine Identität durch die völlige Verkleidung und das Verbot des Sprechens verborgen. Mitunter wählte man, wie um 1900 in Westerbeck, den kräftigsten Knaben als „Fischermeier" aus. Ein wichtiger Akt war die Herstellung des Laubkleides aus Buchen- oder Linden- und häufiger aus Birkenzweigen, bekrönt von Fliederblüten oder Blumen. Aus der Bekrönung ragte mancherorts ein gabelförmiges Gerüst mit einem Kreuz hervor. Richard Andree berichtet 1896 aus Ehra, dass hier zunächst einige Tage vor Pfingsten die „kleineren Jungen" Bast von Linden und Ulmenzweigen abschälten. Nachdem dieser durch ein längeres Bad im Wasser geschmeidig geworden war, flocht man daraus dünne Seile, die dann dicht mit Birkenlaub zum Kleid des Fischemeiers verknüpft wurden. Nach der Westerbecker Tradition musste Aus der umfänglichen schriftlichen und mündlichen Über es aus sieben Laubröcken bestehen. Andernorts wurde das Laub auf ein Sackkleid oder auf ein Holzgestell montiert.
 
In einigen Dörfern war es noch in unserem Jahrhundert üblich, daß die Gesellschaft des Fischemeiers gemeinsam im Walde oder in einer Scheune übernachtete, von wo der Umzug seinen Ausgang nahm und wohin er zur geheimen Entkleidung des Fischemeiers zurückkehrte. Den Umzug führten zwei kräftige Jungen an, denen die übrigen folgten, ausgerüstet mit Gabeln, Stöcken, Körben und Kiepen für die Gaben. Gespendet wurden Würste, Kuchen, Speck und vor allem Eier sowie in steigendem Maße Geld. Früher verzehrte man die Gaben gemeinsam. Aus Eiern und Speck wurde dazu Rührei, sogenannter Eierback, zubereitet. Gelegentlich schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts, verstärkt aber seit der Zwischenkriegszeit, wurden die Eier verkauft, das Geld, wie noch heutzutage, für ein Kinderfest verwendet, oder aber es wurden Anschaffungen für die Dorfschule davon finanziert.




 
Sobald der bunte Zug vor einem Haus angekommen war, begann der „Fischemeier" mit tanzenden Bewegungen, während die Begleiter ein Lied anstimmten. Fast überall wurde mit geringfügigen Varianten und Entstellungen der gleiche Grundtext vorgebracht, wie ihn Richard Andree 1896 aus Ehra mitgeteilt hat:

„Gûn dag, gûn dag!
Wat gêwt ji ûsen fischemeier?
Drei halwe schock eier.
Heit (habt) ji keine fûle eier?
Smît't se öwern fischemeier!
Heit ji keine frische, Bringt sei üsch (uns) tau dische.
Bòwen in dei föste (First)
Hangt dei langen wöste (Würste),
Gêwet ji üsch dei langen
Un lat't dei korten hangen,
Bet anner jâr wî't (wollen) wî sei nähälen.
Wî't ji üsch dei langen nich gêwen
Wî't wei (wir) vor jûe (eure) wîschen (Wiesen)
un kôrn nich wêrn.
Kajolei."

In Westerbeck sang man um das Jahr 1900 anstelle der letzten Zeilen:
 
„Gew't ji usen Fischermeier nist, Sau leggt jue Häuhner upt Jahr ok nich . . ."
 
 
Aus Croya notierte der Gemeindevorsteher Klopp 1934 den folgenden Schluss des Liedes, der offensichtlich jüngeren Datums ist:
 
Eier in de Kiepe, Bodder in de Masche (Dose),
 
Kese in 'ne Tasche, Bier in 'ne Flasche, hew't wi watt to naschen,
 
Fischemeier springt hoch in 'ne Luft."
 
In seinen wesentlichen Zügen kann der alte Brauch des „Fischemeiers" als Rest eines Vegetationskultes gedeutet werden. Das frische Grün des Frühlingswaldes verkörpert die Fruchtbarkeit, die auf den Menschen als Träger des Laubkleides übergeht. So bedeutet das Grundwort „-meier" der Bezeichnung „Fischemeier" denn auch der in Mai, d. h. in Birkenlaub Eingekleidete. Die Gaben aber, die diese Gestalt erbittet, stehen in der Nachfolge der Opfergaben für den Fruchtbarkeitsgeist, wie zahlreiche Forscher meinen. Die frühere Bedeutung von „Fische" erhärtet diese Annahme. Sie ist zurückzuführen auf mittelniederdeutsch „fisel" mit den Bedeutungen „Mörser, Stampfer", aber auch „Penis". Darin drückt sich die Verkörperung der Fruchtbarkeit aus. Freilich liegt dieser Sinn schon seit langem im Dunkeln, wie die vielen unklaren Varianten des Wortes belegen. Angeführt seien hier „Fiz-, Fiste-, Füste-, Fische-, Fiestje-". Als volksetymologische Umdeutung läßt sich „Fischermeier" verstehen, das u. a. aus Westerbeck und Brechtorf überliefert ist.
 
Im äußeren Norden des Kreises Gifhorn sowie im angrenzenden Kreis Uelzen heißt die Laubgestalt übrigens "Pfingstkar", mundartlich „Pingstkar", nach der Ähnlichkeit des Gestells mit einem „kar", d. h. einem Bienenkorb. Hier sind auch andere Umsingelieder verbreitet als im Bereich des „Fischemeier". Ein aus Sprakensehl überlieferter Liedtext lautet:

 
„Pingskar, Hawerkalw, Baukweitenstroh,
Tau'n jâr, um düsse tîd nochmal weer so,
Didel didik, didel didik,
0 wekke bunte mütze hew ik,
Arwtenstroh uri Bohnenstaken,
Morgen wütt wi 'n pingskalw kaken."

Im benachbarten Allersehl hieß es:

„Pingskar, Sladderda (Schlatterdarm?),
Strohwif, schürwif,
Eierkiep.
Könnt wi nich 'n paar eier kriegn,
Half eier, half pingskees,
Un för'n gauen gröschen wittekees.
Hoch in de höchte,
Hangt de langen wöste,
Gew ji iisch de langen,
de korten lät men hangen,
Bet anner jär um düsse tid. Lüe,
gewt gaud, dat he anner jär gröter ward.
0, mine leiwen lüe, gewt gaud,
ik heff so veele lüttje Kinner um mik rum.
Wütt alle beten affhebben."

Im Südwesten des Kreisgebietes erscheint die Laubgestalt als „Lowestje, Luis, Loow-Feschtje, Laweschke". Im Dorf Allerbüttel beispielsweise wurde diese Pfingsten 1989 auf einem Handwagen „von Haus zu Haus" gezogen. Dem inzwischen unverständlich gewordenen Namen dürfte eine Entsprechung für das hochdeutsche „Laubästchen" zugrunde liegen.
 
Nach Hans Verhey hat der Brauch des Umgangs mit der Laubgestalt zu Pfingsten erst in allerjüngster Zeit Einzug in den Südwesten des Kreisgebietes gehalten. In Oesingen, Wahrenholz, Ummern und im Raum westlich Gifhorns ist der Brauch nicht heimisch, wohl aber setzt er sich nach Osten in der Altmark fort.
 
Entsprechende Laubgestalten sind auch aus anderen Teilen Deutschlands bekannt, so aus Thüringen das „Laubmännchen" bzw. der „Laubkönig", aus der Pfalz und aus dem Elsaß der „Pfingstquack". Wie die Gruppe um den „Fischemeier" hat die der „Maibraut" ihre besonderen Lieder. Deren Zahl ist auffallend größer als die der Knabenumzüge. Häufig handelt es sich zumindest in unserem Jahrhundert — vermutlich unter dem Einfluß von Schule und Kirche — um Choräle, wie u. a. aus Dannenbüttel berichtet wird („Schönster Herr Jesus . . .", „Geh aus mein Herz und suche Freud . . .") oder um hochdeutsche Frühlingslieder, wie sie in der Schule und in Gesangvereinen gepflegt wurden (z. B. Wiswedel um 1940).

Aus Westerbeck ist jedoch ein altertümlicher, mundartlicher Text bekannt:
 
„Mdbrût, hal ût un ût,
Un dat ist gut!
Wat gew je ûse Mäbrût?
Gew je wat, so hat se wat,
So hat se 't ganze jûr wat.
Gew je nist, so hat se nist,
Hat se 't ganze jûr nist,
Wilt för nâwerdör stän gân,
Nâwerdör is nich wit von hier.
Appeln un beern sin bald rîp.
Klopp, klopp ringelken,
Da danzt de lieben kinderken.
Een ei, twee ei, söben un acht is pingstei, pingstei!"

Die „Maibraut", an deren Stelle mancherorts die „Maikönigin" steht, galt als „die Verkörperung des Sommers in Gestalt eines weiblichen Dämons" und ist damit Gegenpart zum „Erbsbär", wie er als Verkörperung des Winters im Fastnachtsbrauchtum erscheint. Zugrunde liegt dem Gedanken der „Maibraut" die Vorstellung von der Parallelität der frischen Natur und dem Leben junger Menschen, das seinen Höhepunkt in der Hochzeit hat.




Quelle:
Schriftenreihe zur Heimatkunde der Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg
Band 6
Brauchtum und Tradition im Raum Gifhorn-Wolfsburg



Michael Krupke 26.08.2018
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