Geschichten - WIR SIND TIDDISCHE

Wir sind Tiddische
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Geschichten aus Tiddische
Vater Lampe erzählt …

GESCHRIEBEN VON PASTOR ERNST PAUER

Ein heller klarer Wintertag geht zu Ende. Hinter den Häusern des Dorfes leuchtet die Sonne noch kurze Zeit in roten Farben am Abendhimmel über die weiße Allerniederung. Durch den hohen Schnee stapfe ich die Dorfstraße zur alten Schule, um Vater Lampe zu besuchen. Er ist mit seinen 86 Jahren der älteste Einwohner des Dorfes. Schon seit Generationen ist seine Familie auf ihrem Hof im Dorf verwurzelt. Schon lange hat er seinen Hof seinem Sohn übergeben und sich in eine kleine Wohnung im alten Fachwerkhaus der ehe-maligen Schule zurückgezogen. Die Kälte hat Eisblumen auf die noch einfachen Fenster des Wohnzimmers gezaubert. Wir sitzen am Kachelofen der wohlig warmen Stube. Unsere Gespräche kreisen zu-nächst um das Alltägliche, bald aber wird Vater Lampe lebhaft, wenn seine Gedanken in die Vergangenheit gehen und die Erinnerungen wach werden. Er berichtet, wie er als Junge einst mit Schiefertafel, Schieferstift und Schwamm hier noch zu Lehrer Boog in die Schule ging, das erbte Mal auf der Eisenbahn fuhr, als Zuschauer das Kaisermanöver mitmachte.

Musikantenversteck
Dann kam er auf sein Elternhaus zu sprechen, die Zeit, in der es auch gemütlich zuging, in der aber auch „strikte Ordnung" herrschte. „Es war noch in der Zeit vor dem deutsch-französischen Krieg. Zu den Festen unseres Dorfes spielte unsere klei-ne Dorfmusik auf, die zu den Übungsstunden regelmäßig im Dorfkrug zusammen-kam. Natürlich wurde dabei nicht nur geübt. Ein fröhlicher Umtrunk gehörte schon dazu, der freilich oft genug über die abendliche Sperrstunde hinaus sich aus-dehnte. Es war daher Vorsicht geboten, wenn zu später Stunde die beiden berittenen Landgendarmen aus Fallersleben die genaue Einhaltung der Verordnung kontrollierten. Da, zu mitternächtlicher Stunde rüttelte es heftig an der Tür des Wirtshauses. Kein Zweifel, das konnten nur die gestrengen Ordnungshüter sein. Sonst hörten unsere Musikanten rechtzeitig das Pferdegetrappel von der Straße her, aber es war ja Winter und draußen lag hoher Schnee. So verhallte der Hufschlag der Pferde. Jedenfalls musste so schnell wie möglich das Feld geräumt werden. Der Tubabläser, der neben der Theke saß, verschwand hinter dem Schanktisch durch die Falltür, weiter über die Keller-treppe in den Keller, dem üblichen Versteck, wenn Gefahr im Verzuge war. Ein Geiger und ein Bläser gelangten durch die Hintertür über die Bodentreppe auf den Hausboden, der Flügelhornbläser und der zweite Geiger entkamen in den Kuhstall.
Doch wohin so schnell mit dem großen Kontrabass? Der Spieler eilte mit seinem Instrument, das im Volksmund „Großmutter" genannt wurde, über den Hinterhof, stellte es kurzerhand in das Häuschen mit Herz und wartete hinter dem Häuschen, bis der Schrecken vorüber war. Inzwischen war auch der zweite Gendarm von seinem Pferde abgesessen und in den Dorfkrug eingetreten. Schließlich hatte er bei der Kälte auch einen „Schluck" nötig. Als die Hüter des Gesetzes weiterritten in Richtung Hoitlingen, kamen unsere Musikanten aus ihren kalten Verstecken wieder hervor und erwärmten sich zunächst ein-mal bei einem heißen Trank und gingen dann befriedigt nach Hause." „Kapusta - Kapusta" Noch eine zweite Anekdote vom Kosakenbesuch in Tiddische gab Vater Lampe zum besten. Sein Urgroßvater hatte sie einmal erzählt, und wie Vater Lampe beteuert, entspricht sie der Wahrheit: „Es war im harten Winter 1812/13. Das Heer Napoleons war in Russland geschlagen und aufgerieben worden. Die Reste schlugen sich, so gut sie konnten, nach Westen durch. Auf ihrer Flucht vor den sie verfolgenden Kosaken kamen sie auch durch unsere Dörfer und verbreiteten eine heillose Angst, denn von deren Umtrieben hatte man nichts Gutes gehört. Eines Abends kam lautes Hundegebell von den Höfen in Tiddische.
Gedrungene Gestalten auf kleinen Pferden waren von Bergfeld kommend ins Dorf galoppiert, in der Dorfmitte abgesessen, hatten die Pferde zusammengekoppelt und waren in Gruppen zu dreien und vieren mit ihren krummen Säbeln in die Höfe eingedrungen, um dort vermutete Franzosen aufzuspüren.
Von einem der Höfe war auf einmal der laute Ruf `Kapusta, Kapusta' zu vernehmen, und schon stürmten die nach allen Seiten ausgeschwärmten Kosaken in diesen Hof. Dort saß der 'Köther' - so nannte man damals die Hofbesitzer - gerade beim Abendessen, vor einem dampfenden Kessel mit Kohl. Der heimatliche Duft dieses dampfenden Kohls hatte die Kosaken zu ihrem Freudengeschrei veranlasst. Des Köthers Frau kochte noch einen zweiten großen Kessel, um den Heißhunger der Kosaken zu stillen und setzte dann auch noch einen dritten auf das Herdfeuer. Nach diesem köstlichen Mahl holten sie ihre Pferde, verteilten sich auf die einzelnen Höfe, wo sie sich Heu für ihre Pferde und Stroh für ihr eigenes Lager in den Häusern beschafften, um danach sichtlich entspannt von ihrem Verfolgungsritt und zugleich froh über das gute Ende dieses Tages in tiefen Schlaf zu fallen. Das Kapusta-Mahl hatte sie zu Freunden des Dorfes gemacht und war zum Vorbild für die umliegenden Dörfer geworden. Ja, so schloss Vater Lampe, das waren noch ganz andere Zeiten. Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen. Aber das hat sich wirklich zugetragen, das können Sie mir glauben!" Die Stubenuhr hatte inzwischen die elfte Stunde geschlagen. Immer wieder hatte der alte Herr ein paar Torfbriketts in den Kachelofen gelegt. Für mich war es Zeit zum Aufbruch.


Mit freundlicher Unterstützung von Herrn Pastor Christoph Pauer
Hochzeit mit Hindernissen in früherer Zeit
Um eine Braut aus Tiddische

GESCHRIEBEN VON PASTOR ERNST PAUER

Als im Jahre 1742 die Herren von Bartensleben auf der Wolfsburg im Mannes-stamm ausstarben und die Bartenslebenschen Lehnsgüter, zu denen auch der Vorsfelder Werder mit den Dörfern Tiddische und Hoitlingen gehörte, vom Herzog von Braunschweig wieder zurückgezogen wurden, hat dieser die beiden seit alters zum Kirchspiel Jembke gehörenden Dörfer Tiddische und Hoitlingen nach Vorsfelde umpfarren wollen. Das erregte bei den Einwohnern nicht nur große Unruhe, sondern auch Widersetzlichkeit. So wurde ein Brautpaar „mit gewappneter Hand" nach der Vorsfelder Kirche „geschleppet", um „daselbst copulieret zu werden". Davon berichtet der nachfolgende Auszug aus dem Kirchenbuch der Gemeinde Vorsfelde aus dem Jahre 1743: „Copuliert den 22. Februarii der J. Heinrich Engelke, p.t. Krüger und Stückenköther in Wendschott, und Jgf. Ilse Marie Heßen, Hannß Heinrich Heßens, gewesenen Stückenköthers in Tiddische, filia. NB: Da Tiddische bißhere zu Jempke eingepfarret gewesen und aber die Gemeinde in Hoitlingen und Tiddische nach absterben des HI. Schatzraths von Bartensleben auf Hochfürstl. Befehl hier eingewiesen, doch die Gemeinden sich wiedersetzet und sich nicht hier einpfarren lassen haben, sondern absolute bey Jemcke bleiben wollen. So entstandt wegen der Copulation obigen Paares große Unruhe. Das hiesige Hochfürstliche Ambte hatte befohlen, daß die in hiesiger Kirche sollten copuliert werden. Die Tiddischer aber wollten die Braut nicht fahren lassen, ob Ihnen gleich bey 10 thlr. Strafe es anbefohlen worden.
Da der Bräutigam kommen sie abzuholen, haben die sich zusammen gethan, die Braut arrestiret und mit Prügeln den Bräutigam gedräut, dass er abweichen müssen, indeßen die Nacht über die Braut in Arrest behalten und bewachet. Am Freytag morgen schickte das . . . Ambt und die eben im Wipperhause wegen der Grentze niederge . . . Hochfürstliche Commission einen Sergianten und 12 Mann von der Lands-Milice und 2 bespannte Bauerwagen. Wie die Gemeinde den Ernst sah, ließen Sie die Braut gleich fahren und fand sich mit dem Bräutigam zur Copulation gleich hier ein. Der Schultze in Tiddische und 3 deren . . . renitenten wurden durch den Ambts-Schließer arretiret, auf jeden Wagen 2 gesetzet und unter Escorte derer 12 Landmilicen nach Baardorf ad carceres gebracht. Die ganze Sache ist ad serenissimum ... gemeldet und wird die Zeit den Ausgang lehren." Über den Ausgang der Angelegenheit berichtet die Jembker Kirchenchronik: „Die Sache wollte sich so wenig auf die eine als andere Art nach Absicht des Wolffenbütl. Hoffes zwingen lassen sondern wurde endlich zwischen Hannover-scher und Wolfenbütteler Regierung solchergestalt ausgemacht: daß diese beide Dörffer vi Reciproci nach wie vor hieselbst sollten eingepfarret bleiben, wie hievon die reneohrats Acta ein mehres zeugen."


Mit freundlicher Unterstützung von Herrn Pastor Christoph Pauer

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